Martin Krebs zieht, so schnell er kann. Nur noch 20 Sekunden. 20 Sekunden, die über den Turniersieg entschieden. Es ist die neunte Runde. Wer die Partie gewinnt, gewinnt das Turnier. Darüber war er sich im Klaren. Er gilt als der Turnierfavorit, sein Gegner als nominell zweitstärkster Spieler ist sein härtester Rivale. Dieser hatte genauso wenig Zeit wie er. Oder war es im Augenblick schon wieder ein bisschen mehr? Krebs zog rasch, fast warf er die Figuren auf ihr Zielfeld. Dabei behielt er die Uhr ständig im Auge. Sobald die Zeit seines Gegners vorüber ist, würden ihm nur Sekunden bleiben, dies anzuzeigen und auch noch die Uhr anzuhalten, wie es die Regel fordert.
Noch zehn Sekunden. Martin Krebs ist klar, dass er die Partie nicht mehr über die Stellung gewinnen kann. Beide Spieler sind materiell noch gleich stark. Die Figuren stehen schlampig über das Brett verteilt. Einige stehen gar zwischen zwei Feldern.
Noch fünf Sekunden. Die Figuren beschleunigen ihren Tanz. Martin Krebs zieht weiterhin eine Figur in der Nähe der Uhr, um wertvolle Zehntelsekunden zu sparen. Klack. Klack. Klack. Die Uhr wird immer schneller gedrückt. Nur schnell ziehen. Die Züge müssen die Zeit des Gegners kosten, nicht die eigene. Die Stellung hat sich aufgelöst. Welche Figur wo steht, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Schließlich war es die Zeit des Gegners, die zuerst vorüber war. Blitzschnell lässt Krebs seinen Springer stehen, ruft "Zeit" und hält die Uhr an. Sein Gegner hat null Sekunden, während seine eigene Uhr bei einer Sekunde stehen bleibt. Geschafft! Durchatmen. Die Augen schließen. Herunterkommen.
Jetzt erst nimmt er das Geraune der umstehenden Zuschauer wahr. Er hatte die entscheidende Partie gewonnen. Um eine Sekunde. "Ich wusste gar nicht mehr, wo die Figuren stehen", beschwert sich sein Gegner Frank Drescher und sieht Hilfe suchend den Schiedsrichter an. "Wie soll ich da noch ziehen?" Der Schiedsrichter fragt zunächst: "Könnt ihr euch einigen?"
Der Inder Viswanathan Anand gilt seit über einem Jahrzehnt als fairster Spieler, als Gentleman. Damit hat er das Schach auf Weltniveau geprägt. Selbst Spielern wie ihm dürfte es nicht immer leicht fallen, ein solches Zeitnotduell in nur wenigen Sekunden wegzuwischen und die Lage aus dem Blickwinkel der Fairness zu betrachten.
Frank Drescher blickt zu Martin Krebs, Krebs auf das Schachbrett. Die Situation verdient dort den Namen "Position" nicht mehr. Nach kurzer Überlegung nickt er. "Remis." Die beiden geben sich die Hand. Der Turnierausgang bleibt noch offen. Später strauchelt Krebs und wird Zweiter. Kein Happy End für den Turnierfavoriten, jedoch adelt seine Fairness ihn gerade bei diesem Ausgang.
Solche nachträglichen Übereinkünfte sind die Ausnahme. Meist reicht die Anwendung der Schachregeln aus: Isabell Nimbler hat gegen Simon Büttner nur noch wenige Sekunden auf der Uhr, aber eine Dame mehr. Nach wenigen Zügen ist der gegnerische König soweit. Als sie jedoch den Matt-Zug ausführen will, reklamiert ihr Gegner Zeitüberschreitung. Ihrem Gegner bleibt nur noch ein Bauer auf dem Brett. Hätte sie den Bauern während der Mattführung geschlagen, wäre die Partie remis gewertet worden. Nun ist die Partie jedoch verloren. Dies ist zwar ein unglückliches Ergebnis in Runde 13, gilt jedoch keineswegs als unfair. Am Ende wird sie Turniersiegerin in der Altersgruppe der unter 18-jährigen bei den Mädchen (U 18 w).
Bei Blitzturnieren kann es bei Partien in der Endphase unübersichtlich zugehen. In einer der nachfolgenden Runden hat ein Schwarzspieler seinen König im Schach stehen lassen. Weiß berührt eine Figur, bemerkt dann die Regelwidrigkeit und will reklamieren. Der Schiedsrichter weist ihn darauf hin, dass er nur reklamieren könne, solange er noch keine Figur berührt habe. Bei regelgerechter Reklamation wäre die Partie für Schwarz wegen eines "unmöglichen Zuges" verloren gewertet worden. Aber Weiß hat noch Möglichkeiten. Abseits des Geschehens gibt der Schiedsrichter hinter vorgehaltener Hand zu verstehen: "Wenn Weiß jetzt die schwarze Dame angreifen würde, hätte Schwarz erst aus dem Schach ziehen müssen und kann sie nicht gleichzeitig retten." Jedoch übersieht Weiß diese Möglichkeit, und die Partie wird normal fortgesetzt. Der Schiedsrichter fügt noch an: "Beim Schnellschach gibt es die Regel des 'unmöglichen Zuges' nicht. Hier werden regelwidrige Züge zurückgenommen. Und es gibt Spieler, die dann die gegnerische Dame angreifen anstatt zu reklamieren." Aber ist das fair? "Es ist regelgerecht im Schnellschach."
Vor zwei Monaten hat der Kreisjugendleiter Axel Hofmann den Schachclub angesprochen, ob das Turnier in Alzenau stattfinden könne. Der Jugendleiter Hans-Gerd Spelleken bietet an, das Turnier zu organisieren. Auch gewinnt er weitere Helfer und schlägt einen ungewöhnlichen Austragungsort vor: Das Schlösschen Michelbach. Der Vorsitzende Stefan Scholz ist wegen der Kosten zunächst zurückhaltend. "An einem derartigen Veranstaltungsort hat sicherlich noch kein Jugendturnier stattgefunden. Üblicherweise geht man in Schulen oder Gemeindesäle, was die Vereinskassen nicht stark belastet. Wir können zwar Mietkosten gegenüber dem Schachbezirk geltend machen", führt er aus, "jedoch dürfen wir den üblichen Rahmen nicht überschreiten." Volkswirt Spelleken ebnet beruflich Unternehmen den Weg für Kooperationen mit Ländern wie der Republik Moldau oder Honduras. Für das Turnier ebnete er den Weg zur fürstlichen Spielstätte, indem er Spender fand. Spelleken kümmerte sich um den Mietvertrag, die Getränke, die Sachpreise und moderierte die Veranstaltung. "Als ich beim Schloss vorgefahren bin, war ich von unserem ‚Spiellokal' beeindruckt." ließ sich der Vorsitzende Scholz vernehmen, der vor fünf Jahren beruflich von Nürnberg nach Karlstein umgezogen ist.
Am Turniertag gehen die Vorbereitungen leicht von der Hand. Zusammen mit den drei Teilnehmern des Schachclub Alzenau werden die Getränke bereitgestellt, die Bretter aufgestellt und die Turnierpreise ausgelegt. Parallel dazu nimmt Bezirksjugendspielleiter Michael Schnepper vom SK 1929 Mainaschaff die Anmeldungen auf. Wegen Druckerproblemen können die Quittungen durch den Vorsitzenden zwar nur in blau statt schwarz ausgedruckt werden, jedoch stört dies außer dem Vorsitzenden keinen der Teilnehmer oder Betreuer. "Blau adelt die Quittung", merkt einer lachend an.
Die Bezirksmeisterschaft der Jugend wird nach Altersgruppen gespielt. Um den Spielern möglichst viele Partien zu gestatten, werden die U 18 und U 16 sowie die U 12 und U 10 zusammengelegt. Die U 14 ist mit zehn Teilnehmern am stärksten vertreten. Mädchen und Jungen spielen zusammen in einer Gruppe. Die Schlusswertung erfolgt getrennt nach Altersgruppen und Geschlecht. Isabell Nimbler und Verena Pistner (beide SC 1926 Kahl) lassen sich für die U 18 w einteilen, obwohl sie noch U 16 spielen könnten. Nach der Zusammenlegung der U 18 und U 16 spielen sie zwar gegen die gleichen Gegner, können sich aber für die Bayerische Meisterschaft in der U 18 qualifizieren, die am 21. Juli stattfindet. Die ersten beiden jeder Altersgruppe sind teilnahmeberechtigt. Das Aufrücken in die U 18 w ist ein gelungener Schachzug. Somit können sich alle vier U 16 Mädchen qualifizieren. Aufgrund ihrer Spielstärke haben die Mädchen in der höheren Altersklasse auf der Bayerischen Meisterschaft gute Chancen.
Erfreulich ist die Teilnahme von acht Mädchen unter den 40 Teilnehmern. Alle Altersklassen können mit Mädchen besetzt werden. Die gute Beteiligung ist auf die aktive Werbung der Damenwartin Daniela Hebenstreit zurückzuführen. Noch auf dem Vatertagsturnier in Damm, das zwei Tage früher stattgefunden hat, legte sie den Mädchen die Teilnahme nahe. Sie spielt nicht nur gerne bei Turnieren in der Region mit, sondern auch bei großen Veranstaltungen wie dem ORDIX im Rahmen der Chess Classic in Mainz. Im letzten Jahr nahmen an diesem stark besetzten Schnellschachturnier über 600 Spieler teil, das Ex-Weltmeister Rustam Kasimdschanow vor weiteren 57 Großmeistern gewann. In den Abendstunden sah sich Hebenstreit dort die Schnellschach-Weltmeisterschaft an, die ein Spieler bereits zum siebten Mal in Folge gewann. Er ist die Nr. 1 der Weltrangliste und gilt im Schnellschach als unschlagbar: Viswanathan Anand.
Die U 14 hat einen besonderen Turnierkoordinator: Philipp Schnepper, den Sohn des Turnierleiters. Philipp hätte bei der U 12 teilnehmen können, entscheidet sich jedoch, seinem Vater zu helfen. Dabei achtet er auf eine zügige Abwicklung der Runden, nimmt die Ergebnisse auf, meldet sie an seinen Vater und kontrolliert, dass die Spieler am richtigen Brett sitzen. Das Turnier wird im Rutschsystem durchgeführt. Durch diese bei Blitzturnieren beliebte Abwicklung entstehen nur kurze Pausen zwischen den Partien, sodass in den vorgesehenen drei Stunden Spielzeit bis zu 15 Runden gespielt werden können. Unter der Regie von Schnepper Junior kommt es zu keinen strittigen oder unfairen Situationen. Auch in den anderen Gruppen fühlt sich keiner der Teilnehmer zu irgendeinem Zeitpunkt benachteiligt. Rainer Hasenstab (Schachfreunde Sailauf) leitet die U 18 + U 16, Kreisjugendleiter Axel Hofmann (SC 1926 Kahl) die U 12 + U 10. Im Turnierverlauf muss auch Axel Hofmann eine Partie als verloren erklären, als ein Spieler bei der Ausführung des Matt-Zuges die Zeit überschreitet. Der erfahrene Schiedsrichter hatte alles genau beobachtet: Die Zeit-Reklamation kam noch vor dem Matt. Solche Situationen können genauso schwierig zu entscheiden sein wie Abseits. Es ist ungewöhnlich, dass in einem Turnier gleich zwei Mal Bruchteile von Sekunden entscheiden.
Am Ende der Veranstaltung steht der Jugendleiter des Schachclub Alzenau am Fenster des Turniersaales und genießt die Aussicht in den sonnigen Garten des Schlösschens. "Der Turnierleiter, die Schiedsrichter, Helfer, Betreuer und die 40 Teilnehmer haben dazu beigetragen, dass wir uns gerne an diese Veranstaltung erinnern werden. Für ihren Einsatz gebührt ihnen unser Dank." Im Sommer findet die nächste Veranstaltung beim Schachclub Alzenau statt: "Ende August stehen die Ferienspiele an." Mit einer Geste in den Turniersaal fügt Spelleken lächelnd hinzu: "Sie werden aber wieder wie gewohnt in unserem Spiellokal Hotel ‚Zum Freigericht' in der Wasserloser Straße stattfinden."
Alle Turnierergebnisse finden Sie auf der Website der Unterfränkischen Schachjugend.
Die Sieger der Altersklassen, vorne (von links nach rechts): Manuel Berger (U 14, TV Großostheim), Jasmin Süß (U10 w, SK Klingenberg), Marius Böhl (U12, SK 1928 Mömbris), Daniel Ullrich (U10, SC 1947 Bergrheinfeld), Nadja Berger (U12 w, TV Großostheim 1900)
hinten: Hans-Gerd Spelleken (Jugendleiter Schachclub Alzenau), Frank Drescher (U18, SC 1947 Bergrheinfeld), Bezirksjugendspielleiter Michael Schnepper (Turnierleitung, SK 1929 Mainaschaff), Isabell Nimbler (U18 w, SC 1926 Kahl), Stefan Scholz (Vorsitzender Schachclub Alzenau), Florian Georgi (U 16, SC 1926 Kahl), Bezirksdamenwartin Daniela Hebenstreit (SC 1926 Kahl), Carolin Karches (U16 w, SK 1946 Obernburg)
Foto: Gerhard Kloetgen (Schachclub Alzenau)